Beweist 1. Korinther 1:2 die Dreieinigkeit?
Bibelstelle: „…an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die Geheiligten in Christus Jesus, an die berufenen Heiligen, samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, sowohl bei ihnen als auch bei uns.“ (1. Korinther 1:2)
Die trinitarische Behauptung kurz zusammengefasst
Trinitarier argumentieren oft:
- Epikaleo (ἐπικαλέω / „anrufen“) bedeute hier die direkte, anbetende Anrufung (Gebet) Jesu.
- Da in Römer 10:12–13 dasselbe Wort im Kontext von Joel 2:32 für das Anrufen JHWHs verwendet wird, sei Jesus hier wesensgleich mit Gott.
- Selbst nicht-trinitarische Übersetzungen übersetzen das Wort mit „anrufen“ statt „berufen“, was zeige, dass es sich um ein Gebet handeln müsse.
Die exegetische und sprachliche Widerlegung
1. Verwechslung von „Invocatio“ (Anrufung/Appell) und „Latreia“ (Anbetung)
Das altgriechische Verb ἐπικαλέω (epikaleo) bedeutet wörtlich „heranrufen“, „anrufen“, „sich berufen auf“ oder „anrufen um Hilfe/Beistand“.
- Kein Synonym für göttliche Anbetung (latreia): Im Neuen Testament gibt es spezifische Begriffe für den exklusiven Gottesdienst und die göttliche Anbetung, allen voran λατρεία (latreia) und proskynesis im absoluten Sinne. Latreia wird im Neuen Testament ausschließlich dem Vater erbracht.
- Rechtlicher und funktioneller Gebrauch: In der antik-griechischen Sprache und im NT bedeutet epikaleo sehr häufig das Anrufen einer Autorität oder eines Mittlers. Ein prominentes Beispiel ist Apostelgeschichte 25:11:„Ich rufe den Kaiser an!“ (Griechisch: Kaisara epikaloumai). Paulus nutzt hier exakt dasselbe Verb (epikaleo). Bedeutet das, dass Paulus den römischen Kaiser als Gott anbetete? Natürlich nicht. Es war das Berufungsrecht auf die höchste kaiserliche Instanz.
2. Was bedeutet es, „den Namen Jesu anzurufen“?
In der biblischen Sprache bedeutet das Anrufen des Namens einer Person:
- Seine Autorität und Herrschaft anzuerkennen.
- Sich unter seinen Schutz und seine Vertretung zu stellen.
- Im Fall von Jesus: Ihn als den von Gott eingesetzten Mittler und Hohenpriester anzurufen (vgl. 1. Timotheus 2:5; Hebräer 7:25).
Die Urchristen wurden als diejenigen identifiziert, die „den Namen Jesu anrufen“ (Apg 9:14, 21), weil sie bekannnten, dass Jesus der von Gott erhöhte Messias und Herr ist (Apg 2:36). Dieses Bekenntnis grenzte sie von den Juden ab, die Jesus als Messias ablehnten. Es ist ein Kennzeichen des Messias-Glaubens, nicht eines Trinitätsdogmas.
3. Zu Römer 10:12-13 und Joel 2:32
Trinitarier berufen sich oft auf Römer 10:12-13 wo es so aussieht als würde Paulus sich auf Jesus beziehen, und dann Joel 2:32 zitiert („Jeder, der den Namen des HERRN (JHWH) anruft , wird gerettet werden“). Es wird dann so argumentiert, dass wenn Joel 2:32 auf Jesus bezieht, es eine Aufforderung wäre Jesus anzubeten, bzw. Jesus hier mit JHWH identifiziert wird. Es gibt aber andere, im biblischen Kontext betrachtet weitaus schlüssigere Erklärungen hierzu.
Erstens sollte nicht unerwähnt bleiben, dass nicht wirklich klar ist, auf wen Paulus Römer 10:13 appliziert. Ist es auf Jesus als Herrn, oder auf Gott den Vater? Der Kontext lässt beide Sichtweisen zu. Selbst wenn Paulus seine Aussage auf Jesus Christus bezieht, ergibt sich dadurch nicht zwangsweise die Erkenntnis, dass Paulus Jesus mit Jehova hier gleichstellt, und beide gleichermassen angebetet werden sollen.
Die Definition des Mittlers (1. Timotheus 2:5)
Das Neue Testament unterscheidet messerscharf zwischen Gott als Empfänger des Gebets und Jesus als dem Mittler:
„Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus…“ (1. Timotheus 2:5)
- Logische Konsequenz: Ein Mittler (griechisch: μεσίτης / mesites) steht begrifflich und funktionell zwischen zwei Parteien. Wer vermittelt, ist nicht identisch mit der Partei, zu der vermittelt wird (vgl. Galater 3:20).
- Wenn Jesus der Mittler zu Gott ist, kann er logisch nicht derselbe Gott sein, zu dem er vermittelt.
Die Gebetsstruktur im Neuen Testament: An den Vater – durch den Sohn
Jesus hat seinen Jüngern ein klares Muster hinterlassen, wie und an wen Gebete zu richten sind:
- Der Adressat des Gebets: Jesus lehrte nicht, ihn selbst anzubeten, sondern betete stets zum Vater und lehrte: „Unser Vater in den Himmeln…“ (Matthäus 6:9).
- Bitten im Namen Jesu: > „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, das wird er euch geben.“ (Johannes 16:23; vgl. Joh 15:16)
- Danksagung durch Christus: > „Sagt allezeit für alles Dank dem Gott und Vater im Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ (Epheser 5:20)
Das Gebet richtet sich an den Vater (Adressat), geschieht jedoch im Namen Jesu (Autorität & Zugang).
4. Wie fügt sich das „Anrufen“ (epikaleo) in 1. Korinther 1:2 hier ein?
Wenn Christen den Namen Jesu „anrufen“ (wie in 1. Korinther 1:2 beschrieben), widerspricht das keineswegs diesem Gebetsmuster, sondern stützt es:
- Invocatio als Inanspruchnahme der Mittlerfunktion: Den Namen Jesu anzurufen bedeutet, seine hohepriesterliche und königliche Mittlerfunktion in Anspruch zu nehmen (Hebräer 4:14–16; 7:25).
- Man wendet sich an Jesus als den auferstandenen Herrn, um Vergebung, Beistand oder Fürbitte bei Gott zu erlangen.
- Keine finale Anbetung (Latreia): Die finale Anbetung und der heilige Dienst (latreia) gebühren Gott, dem Vater.
- Wenn Jesus Gebete oder Bitten entgegennimmt oder weiterleitet, tut er dies als Gottes Bevollmächtigter, nicht als der unerschaffene Schöpfergott selbst.
Zusammenfassung:
Gott ist der Adressat des Gebets, Jesus der Weg zum Adressaten. Wer den Namen Jesu anruft, tut dies nicht, um Jesus anstelle des Vaters anzubeten, sondern um die von Gott eingesetzte Mittlerschaft Jesu zu nutzen. Eine Verwechslung von Mittler und Ziel zerstört die biblische Ordnung des Gebets.
Das Argument, Antitrinitarier würden sich „nicht trauen“, epikaleo anders als mit „anrufen“ zu übersetzen, greift ins Leere:
- Kein antitrinitarischer Übersetzer bestreitet das Wort „anrufen“: Der Streitpunkt ist nicht die Übersetzung des Wortes epikaleo mit „anrufen“, sondern die theologische Fehldeutung, dass jede Anrufung automatisch die Anbetung des allmächtigen Gottes impliziere.
- Ein Gläubiger kann zu Jesus sprechen (wie Stephanus in Apg 7:59 oder Johannes in Offb 22:20) oder seine Hilfe als Hoherpriester erflehen, ohne ihn für den allmächtigen Gott zu halten. Ein auferstandener, lebendiger König im Himmel kann angesprochen werden, ohne dass er dadurch zum unerschaffenen Schöpfer-Gott wird.

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