In trinitarischen Argumentationslisten wird 1. Johannes 5:13–15 häufig als Beleg dafür angeführt, dass Jesus direkt als Gott angebetet werde und Gebete erhöre.
Der Text:
„Dies habe ich euch geschrieben, die ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, und damit ihr [auch weiterhin] an den Namen des Sohnes Gottes glaubt. Und das ist die Freimütigkeit, die wir ihm gegenüber haben, dass er uns hört, wenn wir seinem Willen gemäß um etwas bitten. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, um was wir auch bitten, so wissen wir, dass wir das Erbetene haben, das wir von ihm erbeten haben.“ (1. Joh 5:13–15)
Das trinitarische Argument:
- In Vers 13 ist vom „Sohn Gottes“ die Rede.
- In Vers 14 folgt unmittelbar das Pronomen „ihm“ (πρὸς αὐτόν) und „seinem Willen“ (τὸ θέλημα αὐτοῦ).
- Da kein expliziter Subjektwechsel zu „Gott [dem Vater]“ stattfinde, müsse sich das Gebet in den Versen 14 und 15 direkt an den Sohn (Jesus) richten.
- Da nur Gott Gebete hören und erhörten kann, sei Jesus Gott.
Warum diese Argumentation exegetisch nicht standhält
Eine genaue grammatikalische, kontextuelle und johannische Analyse zeigt klar, dass mit dem Empfänger des Gebets in Vers 14 und 15 Gott, der Vater, gemeint ist – und dass dies vollkommen im Einklang mit der gesamten Gebetslehre des Johannes steht.
1. Der direkte Textvergleich: Die Parallele in 1. Johannes 3:21–22
Der stärkste Beweis dafür, wer mit „ihm“ in 1. Johannes 5:14 gemeint ist, findet sich im eigenen Brief des Johannes. In 1. Johannes 3:21–22 verwendet der Apostel exakt dieselbe Formulierung und Begrifflichkeit:
- 1. Johannes 3:21–22: > „Geliebte, wenn unser Herz uns nicht verdammt, so haben wir Freimütigkeit zu Gott [πρὸς τὸν θεόν], und was immer wir bitten, empfangen wir von ihm…“
- 1. Johannes 5:14: > „Und das ist die Freimütigkeit, die wir ihm gegenüber haben [πρὸς αὐτόν]…“
In Kapitel 3 identifiziert Johannes das Ziel unserer Freimütigkeit (parrhēsia) und die Quelle der Gebeteerhörung ausdrücklich als Gott (den Vater). Wenn Johannes in Kapitel 5 dieselbe Phrase („Freimütigkeit, die wir zu ihm haben“) aufgreift, nutzt er das Pronomen „ihm“ (αὐτόν) als Rückbezug auf diesen feststehenden Begriff des Vaters als Adressat der Gebete.
2. Das Wortfeld „Wille“ (θέλημα) im johannischen Schrifttum
In Vers 14 heißt es: „…wenn wir seinem Willen gemäß um etwas bitten.“
Im gesamten Johannesevangelium und den Johannesbriefen ist die Erfüllung des „Willens“ ein stehender Begriff für den Willen Gottes, des Vaters:
- Johannes 4:34: Jesus sagt: „Meine Speise ist es, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat…“
- Johannes 5:30: „…denn ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“
- Johannes 6:38: „Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat.“
- 1. Johannes 2:17: „…wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.“
Der „Wille“, nach dem der Gläubige betet, ist in der johannischen Theologie ausnahmslos der Wille des Vaters. Jesus selbst ordnete seinen eigenen Willen dem des Vaters unter.
3. Pronominaler Referenzwechsel im Stil des Johannes
Das trinitarische Argument behauptet, ein Wechsel des Pronomens von Jesus zu Gott dem Vater ohne explizite Namensnennung sei unnatürlich. Wer die Briefe des Johannes studiert, weiß jedoch, dass Johannes sehr häufig zwischen Gott (dem Vater) und Christus hin- und herwechselt, indem er schlicht das Pronomen αὐτός („er/ihn/sein“) verwendet.
Ein prominentes Beispiel findet sich in 1. Johannes 3:1–3:
- In Vers 1 spricht Johannes vom Vater („Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater geschenkt…“).
- In Vers 2 spricht er von Gott/dem Vater („…wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden…“).
- In Vers 3 heißt es: „…reinigt sich selbst, gleichwie Er [Christus] rein ist.“
Johannes setzt beim Leser voraus, dass dieser aus dem theologischen Gesamtzusammenhang versteht, wann vom Vater und wann vom Sohn die Rede ist. Da der Glaube an den Sohn den Zugang zum Vater eröffnet, führt der Glaube an den Namen des Sohnes (v. 13) direkt zur Freimütigkeit vor Gott (v. 14).
4. Die allgemeine neutestamentliche und johannische Gebetsstruktur
Die Behauptung, dass Johannes Jesus hier als direkten Empfänger von Gebeten darstellt, widerspricht den expliziten Anweisungen Jesu im Johannesevangelium:
- Johannes 15:16: „…damit, was immer ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er es euch gebe.“
- Johannes 16:23: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was immer ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben.“
Das Prinzip ist durchgehend einheitlich:
- Der Adressat des Gebets: Gott, der Vater.
- Grundlage / Mittler des Gebets: Der Sohn (in seinem Namen / durch den Glauben an ihn).
1. Johannes 5:13–15 fügt sich nahtlos in dieses Schema ein: Weil wir an den Namen des Sohnes Gottes glauben (v. 13), haben wir nun kühnen Zugang (Freimütigkeit) zu Gott, dem Vater (v. 14), und wissen, dass der Vater uns hört, wenn wir nach Seinem Willen bitten.
5. Zum Vorwurf: „Johannes bezeichnet Jesus ständig als Gott“
Das Gegenargument behauptet oft ergänzend, Johannes benenne Jesus so häufig als Gott, dass man hier keine Unterscheidung machen müsse. Exegetisch trifft jedoch das Gegenteil zu:
- Johannes unterscheidet penibel zwischen Gott (ó theos) und dem Sohn Gottes.
- In Johannes 17:3 definiert Jesus den Vater ausdrücklich als den „allein wahren Gott“:„Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.“
- Gott ist derjenige, der sendet; Jesus ist der Gesandte. Gott ist der Empfänger des Gebets; Jesus ist der Weg zum Vater.

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