Kolosser 1:15,16

Ist Jesus der Schöpfer aller Dinge? In der trinitarischen Apologetik wird oft behauptet, dass Jesus kein geschaffenes Wesen sein könne, weil Kolosser 1:16 sagt, dass durch ihn „alle Dinge“ erschaffen wurden. Doch bedeutet „alle Dinge“ (ta panta) an dieser Stelle wirklich eine absolute Gesamtheit ohne jedwede Ausnahme?

Die Bedeutung von „alle“: Absolut oder Relativ?

Normalerweise bedeutet „alle“ alles, je nach Verwendung. Aber der Kontext erlaubt es durchaus, dass der Begriff relativ und nicht absolut verstanden wird. Dies lässt sich leicht anhand von Kolosser Kapitel 1 beweisen, in dem panta (πάντα) mehrfach vorkommt:

  • Kolosser 1:16a: … in ihm wurden alle Dinge (ta panta) erschaffen.
  • Kolosser 1:16b: … durch ihn wurden alle Dinge (ta panta) erschaffen.
  • Kolosser 1:17: … und alle Dinge (ta panta) in ihm.
  • Kolosser 1:20:alle Dinge (ta panta) mit sich zu versöhnen.
  • Kolosser 1:28: … indem wir jeden (panta) warnen und jeden (panta) in aller (pasē) Weisheit lehren, damit wir jeden (panta) in Christus vollkommen darstellen.

Betrachten wir Kolosser 1:20: Hier wird ta panta genauso verwendet wie in den Versen 16 und 17. Bedeutet „ALLE“ hier absolut ALLE? Hat Jesus ABSOLUT ALLE Dinge mit sich versöhnt? Was ist mit Satan? Was ist mit den Dämonen? Was ist mit all den Menschen, die die ewige Strafe erleiden? Was ist mit Tieren oder Planeten? Sind sie mit Jesus versöhnt?

Oder betrachten wir Kolosser 1:28: Hier heißt es, dass jeder gewarnt und gelehrt wird, damit jeder vollkommen in Christus dargestellt werden kann. Bedeutet „jeder“ hier buchstäblich jede einzelne Person, die jemals existiert hat, existiert oder existieren wird? Was ist mit Kindern, die bei der Geburt starben? Was ist mit Menschen, die nie die Chance hatten, das Evangelium zu hören? Was ist mit jenen, die das Evangelium ablehnen?

Es ist aus diesen Versen ersichtlich, dass ALLE nicht immer ABSOLUT alles/jeden bedeutet!

Man muss sich zudem eine logische Frage stellen: Wenn „alle Dinge“ in Kolosser 1:15-17 wirklich absolut „ALLE Dinge“ meint (nur mit Ausnahme von Christus selbst, weil er derjenige ist, der erschafft), würde das dann nicht implizieren, dass auch Gott der Vater und der Heilige Geist von Christus erschaffen wurden? Sie werden hier nicht explizit als Ausnahme genannt und würden somit logisch zu „allen Dingen“ gehören.

Jesus als Instrument der Schöpfung

Ein wichtiger grammatikalischer Aspekt findet sich in Vers 16: Es heißt, dass alle Dinge in (en – Strong’s 1722) Jesus erschaffen wurden und dass die Schöpfung durch (dia – Strong’s 1223) Jesus geschah.

  • en bezeichnet hier die Instrumentalität. Jesus war also Gottes Instrument, durch das Er alles erschuf.
  • Da Jesus der Erstgeborene aller Schöpfung war (Vers 15), ist er das allererste Wesen, das von Gott hervorgebracht wurde, und wurde danach als Instrument für die gesamte weitere Schöpfung verwendet.

Gott bleibt somit der alleinige Schöpfer. Bezeichnenderweise wird Jesus in der gesamten Bibel niemals direkt als „Schöpfer“ (ktistēs) bezeichnet. Es besteht also kein Widerspruch zu Jesaja 44:24, wo Gott sagt, dass er die Himmel „allein“ ausspannte.

Ausnahmen in absoluten Aussagen

Selbst wenn Absolutheiten erwähnt werden, kann es Ausnahmen geben. In Hebräer 2:8 zitiert Paulus, dass Gott „alles (panta) seinen [Jesu] Füßen unterworfen hat“. Er fährt fort: „Indem er ihm aber alles (ta panta) unterwarf, hat er nichts gelassen, was ihm nicht unterworfen wäre.“

Man könnte schlussfolgern: Wenn Gott nichts gelassen hat, was Jesus nicht unterworfen ist, dann meint Paulus „nichts“ – ohne Ausnahme! Das würde bedeuten, dass Gott (der Vater) sich selbst Jesus unterworfen hat.

Doch Paulus stellt in 1. Korinther 15:27 klar: „Wenn es aber heißt, dass alles (ta panta) unterworfen sei, so ist es offenbar, dass derjenige ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.“ Es war also völlig üblicher Sprachgebrauch, dass „alles“ nicht zwingend „alles ohne Ausnahme“ bedeutete und „nichts“ nicht zwingend „nichts ohne Ausnahme“.

Der „Erstgeborene“ als Teil der Schöpfung

Das Argument der Voreingenommenheit entfällt, wenn man Vers 16 nicht isoliert betrachtet, sondern als Fortführung von Vers 15 liest. Dort wird Christus als der „Erstgeborene aller Schöpfung“ bezeichnet.

Kritiker verweisen auf Stellen wie Psalm 89:28, wo David zum „Erstgeborenen“ gemacht wird, obwohl er der jüngste Sohn war. Es gehe also um das Erbrecht und die Vorrangstellung. Dort sagt Gott über David (und prophetisch über den Messias):

„Und ich will ihn zum Erstgeborenen machen, zum Höchsten unter den Königen auf Erden.“ (Psalm 89:28, Luther 2017)

Kritiker sagen: „Schau her! David war der jüngste Sohn Isais (der achte). Er war biologisch gesehen nicht der Erstgeborene. Wenn Gott ihn hier zum ‚Erstgeborenen‘ macht, kann das Wort unmöglich ‚zuerst erschaffen‘ oder ‚zuerst geboren‘ bedeuten. Es muss rein metaphorisch für ‚Vorrangstellung‘ oder ‚Souveränität‘ stehen.“

Selbst wenn man „Erstgeborener“ hier als Titel für den höchsten Rang versteht, definiert der Vers sofort die Gruppe, zu welcher dieser Erstgeborene gehört: „…zum Höchsten unter den Königen auf Erden.“

  • David ist der Erstgeborene (der Höchste) der Könige.
  • Ist David selbst ein König? Ja.

Das bestätigt genau mein Argument zu Kolosser 1:15: Ein Erstgeborener ist immer Teil der Gruppe, die er anführt. Wenn Jesus der Erstgeborene der Schöpfung ist, muss er zur Schöpfung gehören, so wie David zu den Königen gehört. Er ist nicht der „Erstgeborene“ über Könige ohne selbst ein König zu sein – nein, er ist der erste/höchste König der Könige.

Das trinitarische Argument ignoriert also, dass ein „Erstgeborener von“ etwas zu sein, im biblischen Sprachgebrauch IMMER impliziert, dass man Teil der Gruppe ist, die man anführt – selbst dann wann man nicht unbedingt der Erste in Folge ist, sondern eine Vorrangstellung erhält. Zudem wird Christus in Kolosser 1:15 als das „Bild“ Gottes bezeichnet. Ein Bild ist niemals das Wesen selbst.

Ein logisches Beispiel:

„Adam ist das Bild Gottes, der Erste aller Menschen. Alle Menschen kam durch Adam ins Dasein.“

Würde jemand behaupten, Adam sei kein Mensch, nur weil im zweiten Satz das Wort „andere“ (Alle andere Menschen) fehlt? Nein. Da Adam im ersten Satz als Teil der Menschen definiert wurde, ist im zweiten Satz klar, dass er der Ursprung für den Rest der Menschheit ist. Er kann nicht gleichzeitig sein eigener Ursprung sein.

Bei obigem Beispiel sei ebenfalls anzumerken, dass dies in keinster Weise Adams Einzigartigkeit schmälert. Hätte Adam nicht gesündigt, hätte er die Vorangstellung schlechthin unter den Menschen! Genauso Christus als „letzter Adam“.

„Andere“ in gängigen deutschen Bibelübersetzungen

Kritiker werfen oft der Neuen-Welt-Übersetzung (NWÜ) der Zeugen Jehovas vor in Kolosser 1:16 fälschlicherweise das Wort „andere“ eingefügt zu haben. Doch die Auslassung von Wörtern, die den Begriff „andere“ ausdrücken, ist im Griechischen bei pas (alle) völlig üblich. Gängige deutsche Übersetzungen machen genau das, was der NWÜ vorgeworfen wird: Sie fügen „andere“ hinzu, um den Sinn im Deutschen klarer zu machen.

Hier ein Vergleich von Versen, in denen im Griechischen kein Wort für „andere“ steht, deutsche Übersetzungen es aber zur Verdeutlichung einfügen:

BibelstelleEinheitsübersetzungNeue evangelische (NeÜ)Menge BibelNeue Genfer (NGÜ)
Markus 12:43„…als alle anderen.“„…als alle anderen.“„…als alle anderen.“„…als alle anderen.“
Lukas 11:42„…und allen Kräutern.“„…und alle anderen Kräuter.“„…und alle anderen Küchenkräuter.“„…jede andere Art von Gartenkräutern.“
Lukas 13:2„…als alle anderen Galiläer?“„…als alle anderen Leute…“„…als alle anderen Galiläer?“„…als alle anderen Galiläer?“
Lukas 13:4„…als alle anderen Einwohner…“„…als alle anderen Einwohner…“„…als alle anderen Bewohner…“„…als alle anderen Einwohner…“
1. Kor. 6:18„Jede andere Sünde…“„Jede andere Sünde…“„Jede andere Sünde…“„Jede andere Sünde…“
2. Kor. 9:13„…und mit allen.“„…und gegenüber allen anderen.“„…und gegen alle anderen.“„…und gegenüber allen anderen.“

Besonders 1. Korinther 6:18 ist aufschlussreich: Fast jede deutsche Bibel (einschließlich Menge und NGÜ) fügt hier „andere“ ein. Ohne diesen Zusatz würde der Text behaupten, sexuelle Unmoral sei die einzige existierende Sünde.

Die Herausforderung: Wo ist das Wort für „andere“?

Oft hört man von Kritikern, dass eine Übersetzung von pas/panta als „alle anderen“ nur dann zulässig sei, wenn im Urtext auch explizit ein griechisches Wort für „andere“ (wie allos oder heteros) vorkommt.

Wir wir gerade gesehen haben, hielt dass keine der gängigen deutschen Bibelübersetzer ab (die allesamt selbst Trinitarier sind) an anderen Stellen „andere“ einzufügen, weil der Kontext dies zuliess, ja der Klarheit wegen sogar verlangte. Was aber wenn der Bibelschreiber dies unmissverständlich aussagen wollte? Würde er dann nicht „pas/panta“ und „allos“ oder „heteros“ kombinieren?

Ich habe diese Behauptung einer Prüfung unterzogen und stelle hiermit eine Herausforderung an jeden Leser:

Nennen Sie mir eine einzige Stelle in der gesamten Heiligen Schrift – sei es im Neuen Testament oder in der griechischen Septuaginta (LXX) –, an der die Wörter allos oder heteros tatsächlich mit pas/panta kombiniert werden, um „alle anderen“ oder „jeder andere“ auszudrücken.

Wissen Sie, was das Ergebnis meiner Recherche war? Die Antwort lautet: NULL.

Es gibt keinen einzigen Beleg dafür, dass die biblischen Autoren diese von Kritikern geforderte Wortkombination jemals benutzt haben. Wenn die Bibel „alle anderen“ meint, dann tut sie das durch den Kontext, nicht durch eine künstliche Wortzusammensetzung, die erst moderne Theologen fordern, damit sie den Kontext ignorieren können.

Fazit

Wenn angesehene Gelehrte wie Hermann Menge oder die Übersetzer der NGÜ und der Einheitsübersetzung das Wort „andere“ einfügen, um die Logik des Textes zu bewahren, warum wird es dann, im Fall der NWÜ, in Kolosser 1:16 als „Fälschung“ bezeichnet?

Die Identifizierung Christi als Teil der Schöpfung in Vers 15 schränkt die Bedeutung von „alle“ in Vers 16 ein. Da er der Erstgeborene der Schöpfung ist, ist er ein Glied der Gruppe „Schöpfung“ und somit selbst eine Schöpfung. Selbst ohne die legitime Befügung von „andere“, ist er logischerweise von allen Dingen ausgeschlossen, die danach „durch ihn“ als Gottes Instrument erschaffen wurden. „Alle anderen Dinge“ ist somit die einzig logische und kontexttreue Wiedergabe.

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