Hebräer 1:10

Trinitarier nutzen Hebräer 1:10 gerne als „Beweistext“, um Jesus zum Schöpfer des Universums (JHWH) zu machen. Doch wer den Kontext des gesamten Hebräerbriefs liest, merkt schnell: Es geht hier nicht um Astronomie oder die Genesis, sondern um Thronfolge und Herrschaft.

1. Der Kontrast: Vergängliche materielle Schöpfung vs. der ewige König

Der Schreiber zitiert Psalm 102 nicht, um eine physikalische Entstehungsgeschichte zu lehren. Er stellt zwei Arten von Schöpfungen gegenüber:

  • Die materielle Schöpfung: Sich selbst überlassen ist sie dem Verfall unterworfen. Himmel und Erde werden mit einem Gewand verglichen, das veraltet und gewechselt wird. (Vers 11).
  • Das messianische Königreich: Im Gegensatz dazu bekam Jesus bei seiner Auferstehung „unvergängliches“ Leben – Jesus als König kann nicht mehr sterben, und so bleibt der Thron des Sohnes „für immer und ewig“ (Vers 8).

Das Argument: Wenn Vers 10 sagt, dass die Himmel „vergehen“, aber der Sohn „bleibt“, dann ist das ein Vergleich der Stabilität. Jesus ist der von Gott eingesetzte König, dessen Herrschaftsbereich (die neue Himmel und neue Erde – 2. Petrus 3:13) niemals durch eine andere Macht ersetzt wird.


2. Hebräer 2:5 als interpretatorischer Anker

Warum glauben wir, dass es in Kapitel 1 um die „neue Schöpfung“ bzw. „neue Himmel und neue Erde“ geht? Der Schreiber selbst gibt uns in Kapitel 2, Vers 5 den entscheidenden Hinweis:

„Denn nicht Engeln hat er die zukünftige bewohnte Erde unterworfen, von der wir reden.“ (Hebräer 2:5)

  • Die Frage: Von was „redet“ der Schreiber die ganze Zeit? Von der Welt, die kommen soll!
  • Die Schlussfolgerung: Wenn er in Kapitel 1:10 davon spricht, dass der Herr die Grundmauern der Erde gelegt hat, meint er im Kontext von Kapitel 2,5 die Grundlegung der neuen Ordnung – das Fundament des Königreichs Gottes.

3. „Himmel und Erde“ – Eine biblische Metapher

In der biblischen Prophetie (z. B. Jesaja 65:17) stehen „Himmel und Erde“ oft metaphorisch für eine Gesellschaftsordnung oder ein Herrschaftssystem.

  • Wenn Hebräer 1:10 also auf den Sohn angewendet wird, kann man argumentieren, dass er derjenige ist, durch den Gott die „neuen Himmel und die neue Erde“ (2. Petrus 3:13) ins Dasein gerufen hat.
  • Das alte System (der jüdische Bund oder die Herrschaft der Sünde/Menschen) wird wie ein Mantel zusammengerollt. Das neue System, gegründet durch das Blut Christi, bleibt bestehen.

4. Warum das trinitarische Argument hier scheitert

Wenn Hebräer 1:10 beweisen würde, dass Jesus JHWH ist, dann müsste Jesus auch derjenige sein, der sich in Psalm 102 selbst antwortet. In Hebräer 1 wird jedoch durchgehend unterschieden:

  1. Gott (der Vater) ist derjenige, der spricht und einsetzt.
  2. Der Sohn ist derjenige, der empfängt und regiert.

Ein Gott, der sich selbst ein Königreich „erbt“ (Vers 4) oder sich selbst „salbt“ (Vers 9), ergibt biblisch keinen Sinn. Das Zitat aus Psalm 102 unterstreicht lediglich, dass die Autorität, die hinter dem Sohn steht, die unvergängliche Kraft JHWHs ist.


Fazit

Man könnte es so zusammenfassen: Hebräer 1:10 beschreibt Jesus nicht zwingend als den „alten“ Schöpfer aus Genesis 1, obwohl diese Möglichkeit durchaus besteht, da der vormenschliche Christus, als Logos und Weisheit – als Erstgeborerer der Schöpfung – das Werkzeug Gottes war, durch welches JHWH die Himmel und Erde erschuf. (Sprüche 8:23; Johannes 1:1-3; Kolosser 1:15-16; Hebräer 1:3). Zusätzlich jedoch, kann man Hebräer 1:10 auch so interpretieren, dass Paulus hiermit den Sohn als den Architekten und König der neuen Welt, die Gott durch ihn ins Leben gerufen hat, darstellen möchte. Während das alte, menschliche und sündige Weltsystem wie alte Kleider zerfallen, ist das Fundament, das Jesus (im Auftrag Gottes) gelegt hat, für die Ewigkeit bestimmt!

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