Römer 9,5 wird oft als die „Kronzeugin“ für die Gottheit Christi im Neuen Testament angeführt. In vielen Standardübersetzungen liest es sich so, als würde Paulus Jesus direkt als „Gott über alles“ bezeichnen. So z.B. die Menge-Übersetzung:
denen die Erzväter angehören und aus denen der Messias dem Fleische nach stammt: der da Gott über allem ist, gepriesen in Ewigkeit! Amen.
Römer 9,5 – Menge
Doch wer den griechischen Urtext und die jüdische Denkweise des Paulus analysiert, erkennt schnell: Die Trinität wird hier nicht exegetisch gelehrt – sie wird hineingelesen (eisegese).
Die Herausforderung des Textes
Der griechische Text lautet im Kern: „ex hōn ho Christos to kata sarka ho ōn epi pantōn theos eulogētos eis tous aiōnas amēn“
Eine Wort-für-Wort-Übersetzung wäre Folgende: „von denen der Christus dem nach Fleische der sei über alles Gott gepriesen zu der Ewigkeit Amen“
Wie unschwer zu sehen ist – es gibt im antiken Griechisch keine Satzzeichen! Und so stehen wir vor der Frage: Bezieht sich der Lobpreis (eulogētos – gepriesen) auf den gerade genannten Christus oder ist es eine abschließende Doxologie an Gott den Vater?
Antwort auf die Einwände der Trinitarier
Gelehrte wie Peter Streitenberger argumentieren, eine unitarische Lesart (Gott der Vater wird gepriesen) sei „unnatürlich“ und ein „abrupter Bruch“. Schauen wir uns diese Einwände im Detail an:
1. Das Argument der Wortstellung (Eulogētos)
Einwand: In Doxologien stehe das Wort eulogētos (gelobt) normalerweise am Anfang, nicht nach dem Subjekt „Gott“.
Widerlegung: Das ist eine statistische Beobachtung, aber keine Regel. In der Septuaginta (der griechischen Bibel, die Paulus nutzte) finden sich Beispiele, in denen das Subjekt voransteht, wenn es besonders betont werden soll wie z. B. Psalm 68,20 LXX:
„Kyrios ho theos eulogētos, eulogētos kyrios hēmeran kath‘ hēmeran…“ (Übersetzung: „Der Herr, Gott, [ist] gelobt; gelobt [sei] der Herr Tag für Tag…“)
Die Wortstellung bei Paulus ist oft durch den emotionalen Kontext geprägt. Wenn Paulus die Vorzüge Israels aufzählt, die in Gott ihren Ursprung haben, ist es nur folgerichtig, dass der Name „Gott“ am Anfang des Lobpreises steht.
Weitere Beispiele in der LXX für dieses grammatische Format einer Doxologie sind
1. Könige 10,9 und Hiob 1,21
2. Das Problem mit dem Partizip ōn („seiend“)
Einwand: Das Wort ōn mache in einer Doxologie keinen Sinn, diene aber perfekt dazu, Christus mit Gott gleichzusetzen.
Widerlegung: Das Partizip ho ōn („der da ist“) ist ein klassischer Titel für Gott im Alten Testament und in der Offenbarung. Es unterstreicht die Souveränität Gottes über die soeben genannten Verheißungen. Es ist kein „Füllwort“, sondern identifiziert den Vater als denjenigen, der über der gesamten Heilsgeschichte steht.
3. Der „abrupte Bruch“ im Satzbau
Einwand: Es sei unnatürlich, mitten im Satz eine Doxologie einzuschieben. Widerlegung: Wer Paulus liest, weiß: Er liebt abrupte Doxologien!
- In Römer 1,25 bricht er mitten im Argument ab: „…der Schöpfer, der da ist gelobt in Ewigkeit. Amen.“
- In Galater 1,5 und 2. Korinther 11,31 sehen wir ähnliche Muster. Ein Lobpreis auf Gott nach der Aufzählung der geistlichen Privilegierung Israels ist bei Paulus kein „Bruch“, sondern ein logischer, emotionaler Höhepunkt.
Was sagen die Experten?
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass nur „Laien“ die unitarische Lesart vertreten. Viele namhafte Theologen und Philologen räumen ein, dass die Grammatik absolut offen ist:
- Erasmus von Rotterdam: Der große Humanist und Herausgeber des Textus Receptus merkte an, dass die Interpunktion entscheidend sei und eine Trennung zwischen „Christus“ und „Gott“ sprachlich vollkommen zulässig ist.
- Quelle: Annotationes in Novum Testamentum (1516/1522), zu Römer 9,5. (Vgl. auch: Opera Omnia Desiderii Erasmi Roterodami, Band VI).
- Quelle: Annotationes in Novum Testamentum (1516/1522), zu Römer 9,5. (Vgl. auch: Opera Omnia Desiderii Erasmi Roterodami, Band VI).
- F.A.G. Tholuck: Ein bekannter Kommentator des 19. Jahrhunderts gab zu, dass die paulinische Christologie (die Jesus fast nie direkt „Theos“ nennt) eher für die getrennte Lesart spricht.
- Quelle: Commentar zum Brief an die Römer (1824/1856), Kap. 9, Vers 5.
- Quelle: Commentar zum Brief an die Römer (1824/1856), Kap. 9, Vers 5.
- Rudolf Bultmann: Einer der einflussreichsten Neutestamentler des 20. Jahrhunderts argumentierte, dass die Bezeichnung Jesu als „Gott über alles“ völlig untypisch für Paulus sei und der Vers daher als Doxologie an Gott den Vater verstanden werden müsse.
- Quelle: Theologie des Neuen Testaments (1948), § 12, S. 132 (9. Auflage).
- Quelle: Theologie des Neuen Testaments (1948), § 12, S. 132 (9. Auflage).
- Hans Conzelmann: Auch er betont, dass Paulus konsequent zwischen theos (Vater) und kyrios (Jesus) unterscheidet.
- Quelle: Grundriss der Theologie des Neuen Testaments (1967), S. 94–96 (6. Auflage).
Das Dilemma – wie lautet die richtige Übersetzung?
Nun – grammatisch gesehen ist die trinitarische sowie auch die unitarische Leseart möglich. Das Problem lässt sich also rein grammatisch nicht lösen. Die richtige Übersetzung muss sich also aus dem Kontext ergeben. Und wenn nicht eindeutig aus dem näheren Kontext, muss der erweiterte Kontext uns dienlich sein.
Bei der Analyse der Schriften Pauli kommt man nicht umher, Folgendes festzustellen: Römer 9,5 (in der trinitarischen Lesart) stünde in der paulinischen Schriftsammlung als absolute Ausnahme hervor. Paulus verwendet eine sehr präzise Terminologie, um zwischen dem einen Gott (dem Vater) und dem einen Herrn (Jesus Christus) zu unterscheiden.
Hier sind die entscheidenden Belegstellen, die diese Trennung verdeutlichen:
1. Die klassische Definition: 1. Korinther 8,6
Dies ist wohl der wichtigste Text, da Paulus hier das jüdische Schma (Höre Israel, der Herr ist unser Gott…) neu formuliert, dabei aber die Kategorien strikt trennt.
„…so haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.“ (Revidierte Elberfelder Bibel)
Paulus definiert hier exklusiv den Vater als den „einen Gott“. Wenn Jesus derselbe Gott wäre, hätte Paulus hier die Gelegenheit nutzen müssen, beide in die Kategorie „Gott“ einzuschließen. Stattdessen weist er Jesus die Rolle des Mittlers (durch den) zu.
2. Die Unterordnung nach dem Ende: 1. Korinther 15,24.28
Paulus beschreibt hier das finale Szenario der Heilsgeschichte.
„Danach das Ende, wenn er [Christus] das Reich Gott, dem Vater, übergibt… Wenn ihm aber alles unterworfen sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allen sei.“ (Schlachter 2000)
Ein Gott kann sich nicht selbst unterwerfen. Die funktionale und ontologische Unterordnung des Sohnes unter den Vater nach Abschluss seines Werkes widerspricht der Lehre von der Wesensgleichheit (Homousie), bei der alle Personen der Trinität ewig gleichrangig wären.
3. Der Gott Jesu Christi: Epheser 1,17
Paulus betet hier für die Gemeinde und benennt dabei klar, an wen er sich richtet und in welchem Verhältnis Jesus dazu steht.
„…dass der Gott unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Herrlichkeit, euch gebe den Geist der Weisheit und der Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst.“ (Lutherbibel 2017)
Jesus hat einen Gott. Wenn Jesus selbst „Gott über alles“ (wie oft in Römer 9,5 behauptet) wäre, ergäbe die Formulierung „der Gott des Herrn Jesus“ keinen Sinn. Man kann nicht der Gott von jemandem sein, der wesensgleich man selbst ist.
4. Der einzige Vermittler: 1. Timotheus 2,5
In diesem spätpaulinischen Text wird die Unterscheidung fast schon formelhaft festgehalten.
„Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus.“ (Einheitsübersetzung 2016)
Paulus trennt hier zwei Parteien durch eine dritte: Auf der einen Seite steht Gott, auf der anderen die Menschen, und dazwischen der Mittler. Ein Mittler ist per Definition nicht die Partei, zwischen der er vermittelt. Besonders markant ist hier die Betonung des „Menschen“ – nicht des „Gottes“ – Christus Jesus.
5. Das Haupt Christi: 1. Korinther 11,3
Hier etabliert Paulus eine hierarchische Ordnung, die bis in die Gottheit reicht.
„Ich will aber, dass ihr wisst, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, der Mann aber das Haupt der Frau, Gott aber das Haupt Christi.“ (Revidierte Elberfelder Bibel)
Wie der Mann das Haupt der Frau ist (zwei getrennte Wesen), so ist Gott das Haupt Christi. Diese Analogie funktioniert nur, wenn es sich um eine Rangordnung zwischen zwei unterschiedlichen Individuen (in der Person sowie im Wesen) handelt.
FAZIT
Wenn wir Römer 9,5 im Licht des gesamten Römerbriefs sowie der gesamten biblischen paulinischen Schriften lesen, wird deutlich: Paulus möchte die Treue Gottes zu seinem Volk Israel betonen. Christus ist das „Fleisch gewordene“ Ergebnis dieser Treue. Dass Paulus danach Gott, den Urheber dieses Plans, preist, passt exakt in sein theologisches Schema.
Die trinitarische Übersetzung ist kein grammatikalischer Zwang, sondern eine theologische Entscheidung der Übersetzer, der in den Text hineinliest was der Kontext in keinster Weise hergibt!

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