Johannes 20:28

Johannes 20:28 gilt vielen als Höhepunkt des vierten Evangeliums. Der „ungläubige“ Thomas begegnet dem auferstandenen Jesus und ruft aus:

„Mein Herr und mein Gott!“

Für viele Trinitarier ist dies der Moment, in dem ein Jünger Jesus als den allmächtigen Gott anerkennt. Und noch dazu scheint Jesus nichts gegen Thomas Aussage zu haben. Er korrigiert ihn auf jeden Fall nicht.

Doch ist diese Lesart wirklich zwingend? Oder offenbart sich hier vielmehr die tiefe Wahrheit, die Jesus selbst gelehrt hatte, und auf die ich in Folgendem eingehen möchte?


Der Kontext von Johannes 20:28

Der auferstandene Jesus war bereits Maria Magdalena erschienen, und sagte ihr dass er zum Vater auffahren würde „zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Jesus beauftrage Maria: „Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: …“ genau diese Worte, bevor er auch ihnen erscheinen würde, was sie auch tat. „Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.“ (Johannes 20:17, 18)

Kurz darauf erschien Jesus seinen Jüngern – nur Thomas war nicht zugegen. Erst 8 Tage später erscheint Jesus erneut seinen Jüngern, diesmal ist Thomas dabei. Thomas hatte gezweifelt. Er konnte nicht glauben dass Jesus auferstanden war. Er müsse es mit eigenen Augen sehen, und mit eigenen Händen spüren – und tatsächlich: Erst als er den auferstandenen Jesus sieht und berührt, glaubt er und bricht in seinen berühmten Ausruf aus: „Mein Herr und mein Gott“ (Johannes 20:28)


Was meinte Thomas wohl mit seiner Aussage sicher nicht?

Trinitarier behaupten, damit habe Thomas bestätigt dass Jesus „sein Gott“ sei, und damit sei der allmächtige Gott gemeint!

Er tun sich jedoch Probleme auf. Jesus liess seinen Jüngern – darunter auch zweifellos Thomas – durch Maria mitteilen, dass er „zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott“ gehen würde. Wenn Jesus Gott höchstpersönlich wäre, würde diese Aussage wenig Sinn ergeben. Zudem stellte Jesus in Johannes 17:3 zweifellos klar dass nicht er, sondern nur der Vater „der allein wahre Gott“ sei. Bei dem Gebet welches Jesus in Johannes 17 an den Vater richtete war auch Thomas dabei – er kannte es also. Wenn wir nun Johannes 20:28 so interpretieren wie es Trinitarier tun, müssen wir uns eingestehen dass Jesus sich widersprochen haben muss, da er ja scheinbar Thomas‘ an Jesus gerichtete Aussage „mein Herr und mein Gott“ akzeptierte, und nicht widersprach. Er war also scheinbar mit Thomas‘ Aussage einverstanden.

Es gibt jedoch noch eine andere Möglichkeit – eine viel plausiblere, und sich nicht widersprechende Interpretation, die Jesus durchaus die Aussage von Thomas akzeptieren lässt, ohne seine vorigen Aussagen in Johannes 17:3 und 20:17 zu verwässern.

Thomas war bei einem Gespräch zwischen seinem Zwillingsbruder Philippus und Jesus zugegen (Johannes 14:5), bei der Philippus Jesus fragte:

Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?
Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!
(Johannes 14:8-11)

Wie Jesus selbst in seinem Gebet in Johannes 17:21 klar macht, wünschte sich Jesus dass „Alle eins sein sollen: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein“. Damit war keine ontologische Gleichheit gemeint, sondern ein einigender Geist der zwischen den verschiedenen Parteien herrschen sollte – ein gemeinsames Ziel, und eine Einheit im Vorhaben, Denken und Handeln.

Jesus sagte in Johannes 14:8-11 dass er bereits vollkommen einig mit dem Vater wäre, ja dass er nicht aus sich selbst handle, sonder ausschliesslich so wie der Vater es von ihm verlange. Somit repräsentierte er des Vaters Denk- und Handlungsweise vollkommen, und konnte somit sagen: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ – da er des Vaters Eigenschaften vollkommen widerspiegelte.

Damit erklärt er nicht, dass er der Vater sei (selbst Trinitarier glauben das nicht), sondern dass er ihn vollkommen repräsentiert. Wie gesagt war Thomas bei all diesen Aussagen Jesu zugegen. Keine dieser Aussage beschreibt eine ontologische Gleichsetzung, sondern eine funktionale Offenbarung: In Jesus wird der unsichtbare Gott „sichtbar“.


Johannes 1:18 – Der Sohn offenbart Gott den Vater

„Niemand hat Gott je gesehen; der einziggezeugte Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht.“ Johannes 1:18

Dieser Vers am Anfang des Johannes-Evangeliums bildet eine theologische Klammer zu Johannes 20:28. Jesus ist nicht Gott selbst, sondern derjenige, der ihn offenbart.
Wer Jesus gesehen hat, hat den Vater gesehen (Johannes 14:9)
Thomas erkennt in Jesus nicht den allmächtigen Gott höchspersönlich, sondern Gottes widergespiegelte „unsichtbare“ Eigenschaften (vergleiche Römer 1:20).


Johannes 5 – Der Sohn tut nichts aus sich selbst

Jesus sagt:

„Der Sohn kann nichts von sich selbst tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht.“ (Joh 5:19)

„Ich kann nichts von mir selbst tun.“ (Joh 5:30)

Diese Aussagen unterstreichen die völlige Abhängigkeit und Unterordnung Jesu gegenüber dem Vater. Er handelt nicht aus eigener Macht, sondern als Bevollmächtigter.
Das passt nicht zu einer trinitarischen Gleichsetzung, sondern zu einer repräsentativen Rolle.


Was meinte Thomas also wirklich?

Zieht man alle dieser Dinge in Betracht, so liegt es nahe: Thomas’ Ausruf „mein Herr und mein Gott“ ist keine dogmatische Formel, sondern eine persönliche Glaubensreaktion. Er erkennt in Jesus den Herrn – den Messias – und zugleich Gott den Vater, den Jesus auf vollkommene Weise repräsentiert, und dessen Persönlichkeit Jesus perfekt widerspiegelt. (Hebräer 1:3)

Wenn man dies in Betracht zieht, so ist es nicht verwunderlich dass Jesus Thomas‘ Aussage genauso verstand, und sie nicht korrigierte.

Es ist die Bestätigung dessen, was Jesus in Anwesenheit von Thomas in Johannes 14:9 gelehrt hatte: Wer ihn sieht, sieht den Vater. Wieso sollte Jesus also Thomas‘ Aussage korrigieren?

Thomas erkennt: In Jesus sieht er Gott den Vater selbst – nicht weil Jesus der Gott ist, sondern weil er ihn vollkommen offenbart und repräsentiert.


Hier noch einmal Fragen zum Nachdenken

  • Wenn Jesus sagt, er könne nichts aus sich selbst tun – wie kann er dann der allmächtige Gott sein?
  • Wenn Jesus den Vater „meinen Gott“ nennt – wie kann Thomas ihn als denselben Gott bezeichnen?
  • Wenn Johannes 1:18 sagt, dass Jesus Gott offenbart – warum sollte Thomas Jesus selbst für diesen Gott halten?
  • Ist es nicht viel stimmiger, Thomas’ Worte als Bestätigung dessen zu verstehen, was Jesus selbst gelehrt hat?

Fazit

Johannes 20:28 ist kein dogmatischer Beweis für die Trinität, sondern der Höhepunkt einer theologischen Linie, die sich durch das ganze Johannes-Evangelium zieht:
Jesus ist der vollkommene Repräsentant des Vaters, dem „allein wahren Gott“.
Thomas erkennt dies nach der Auferstehung Jesu und bekennt genau das.

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